Zehn aktuelle Studien zum Industriemarketing und wie sich Ingenieure heute informieren

Ingenieure spielen bei Aufträgen und Investitionsentscheidungen im industriellen B2B-Bereich eine entscheidende Rolle. Deshalb ist es für das Industriemarketing wichtig zu wissen, wie sie sich informieren und nach welchen Kriterien sie entscheiden.

Aktuelle Studien zum Industriemarketing geben überraschende Einblicke

Allgemeine Marketing-Weisheiten helfen bei Ingenieuren und technischen Entscheidern nicht weiter, denn sie ticken anders.
Was wissen wir also über die Beschaffungsprozesse im industriellen Bereich und speziell über das Verhalten der beteiligten technischen Experten?

Zehn aktuelle Studien (*) geben teils überraschende Einblicke.

Das Informations- und Kaufverhalten hat sich gravierend verändert

Um keine voreiligen Schlüsse aus aktuellen Studien zu ziehen, ist es zunächst sinnvoll, das Informations- und Kaufverhalten im B2B-Bereich über einen längeren Zeitraum zu betrachten. (vgl. auch „Einführung Content Marketing im B2B“.)

  • Eine großangelegte Studie mit 3.000 B2B-Einkäufern hatte erstmals 2012 und nochmals 2014 die neuen Trends offen gelegt.
  • B2B-Käufer recherchieren zunächst online, bevor sie den Vertrieb des Anbieters kontaktieren.
  • Für die Mehrheit der Ingenieure finden 62 Prozent des Kaufprozesses online statt – von der frühen Recherche bis zur endgültigen Kaufentscheidung – bevor sie mit dem Anbieter sprechen.
  • Ingenieure im Alter von 45 Jahren und jünger verlängern den Online-Prozess auf über siebzig Prozent (TREW Marketing, 2021 State of Marketing to Engineers).
Industriemarketing, Ingenieure recherchieren online

Ingenieure verlassen sich während des Kaufprozesses immer mehr auf Online-Inhalte. Unter 45-jährige verbringen sogar noch mehr Zeit online.
(Quelle: TREW Marketing, 2021 State of Marketing to Engineers)

Industriemarketing: Wie sich technische Experten heute informieren

  • Großer Handlungsbedarf: Aktuelle Studien offenbaren einen großen Handlungsbedarf im Industriemarketing.
  • Es ist der Content: Die online verfügbaren Informationen des Anbieters haben heute eine Schlüsselfunktion im Industriemarketing.
  • Onlinepräsenz entscheidet: Wer die B2B-Käufer online nicht überzeugt, kommt nicht mehr in die engere Auswahl.
  • Intensivere Online-Recherche: Die Entwicklung der letzten Jahre zeigt, dass der online durchgeführte Kaufprozess von Jahr zu Jahr intensiver geworden ist.
  • Mehr Online-Quellen: 73% sagen, dass sie bei der Recherche und Bewertung von Käufen auf mehr Quellen zurückgreifen.
  • Mehr Zeit für Recherche: 75% gaben an, dass sie mehr Zeit mit der Recherche von Einkäufen verbringen.

Quellen: IEEE GlobalSpec und TREW Marketing „2020 Smart Marketing for Engineers“,
vgl. auch Trustradius „The 2021 B2B Buying Disconnect“,
sowie Industrialmarketingtoday, Industrial Buyers – Their Preferences and How to Market to Them.

Die B2B Buying Journey ist komplex und nicht linear

Der B2B-Recherche- und Entscheidungsprozess (B2B Buying Journey) umfasst typischerweise fünf oder sechs Phasen:
(vgl. Gartner, New B2B Buying Journey, vgl. auch „Fünf Phasen des B2B-Entscheidungsprozesses“.)

  • 1-Identifizierung von Problemen: „Wir müssen etwas tun.“
  • 2-Erforschung der Lösung: „Was gibt es da draußen, um unser Problem zu lösen?“
  • 3-Aufbau von Anforderungen: „Wofür genau brauchen wir den Kauf?“
  • 4-Auswahl der Lieferanten: „Tut die das, was wir wollen?“
  • 5-Validierung: „Wir glauben, die richtige Antwort zu kennen, aber wir müssen sicher sein.“
  • 6-Schaffung von Konsens: „Wir müssen alle an Bord holen.“
Industriemarketing, B2B Buying Journey

B2B-Käufe spielen sich in keiner vorhersehbaren linearen Reihenfolge ab, sondern durchlaufen in mehrfachen Schleifen die Phasen des Kaufprozesses.
Quelle: Gartner, New B2B Buying Journey

Fachjournalist / Texter für technische Themen

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Industriemarketing: Anbieter-Websites werden unterschätzt

  • Vorrang für Websites: Die Untersuchungen des B2B-Beschaffungsprozesses zeigen, dass Interessenten für ein neues Produkt oder eine neue Dienstleistung vorrangig auf Websites von Anbietern und Händlern recherchieren.
  • Kein Fokus auf Social Media: Ingenieure und technische Entscheider sehen soziale Medien als die am wenigsten wertvolle Recherchequelle an. „Ähnlich wie bei früheren Studien legen Ingenieure keinen großen Wert auf soziale Medien, wenn es um ihre Arbeit geht“ (Quelle: TREW Marketing, 2021 State of Marketing to Engineers, vgl. auch IEEE GLOBALSPEC, 2020 Smart Marketing for Engineers).
Industriemarketing, Wie sich Ingenieure informieren

Ingenieure recherchieren vorrangig auf den Websites der B2B-Anbieter und bei (Online-) Fachzeitschriften. Soziale Medien wie Facebook spielen im B2B nur eine untergeordnete Rolle.
Quelle: TREW Marketing, 2021 State of Marketing to Engineers

Erwartungen von B2B-Interessenten an die Inhalte von Webseiten

Die Erwartungen an die Inhalte von Webseiten haben sich verändert.

„Dieses Publikum ist nicht so sehr mit dem Schnickschnack beschäftigt, den eine Website zu bieten hat. Stattdessen sucht die große Mehrheit nach detaillierten technischen Informationen und technischen Spezifikationen.“ (Quelle: IEEE GLOBALSPEC, 2020 Smart Marketing for Engineers)
  • Drei bis fünf Inhalte: Obwohl 32 % der Befragten angaben, dass sie von der Menge der verfügbaren Inhalte überwältigt sind, gab die Mehrheit (44 %) an, dass sie in der Regel drei bis fünf Inhalte konsumieren, bevor sie mit einem Anbieter in Kontakt treten.
  • Wert auf Vertrauenswürdigkeit: 44% der Befragten gaben an, dass sie einen höheren Wert auf die Vertrauenswürdigkeit der Quelle legen.
  • Über Produkte hinaus: Besucher erwarten mehr Einblicke von Branchenvordenkern/Analysten (38 %).
  • Keine Werbeaussagen: Verkaufsbotschaften sollten eingedämmt werden (38%).
  • Nutzen für Anwender: Die Informationen sollten sich weniger auf Produktspezifika und mehr auf den Wert konzentrieren (37%).

Quelle: Demand Gen, 2021 Content Preferences Survey Report

Webseiten werden den Erwartungen nicht gerecht

Website-Mängel, UX

Probleme mit der Website-Qualität (wie übergroße, langsam ladende und fehlerhafte Seiten) sind negativ für die User Experience.
(Grafik: Boston Cunsulting Group)

Die Erwartungen von B2B-Interessenten werden häufig enttäuscht:

  • 25 % aller Webseiten haben Probleme mit der Website-Qualität (wie übergroße, langsam ladende und fehlerhafte Seiten). (Boston Cunsulting Group, The Real Cost of Poor Website Quality, 2020)
  • Nur 8 % der Käufer beurteilen die Webseiten als sehr vertrauenswürdig und nur 10 % sagen, dass sie sehr einflussreich sind. (TrustRadius, The 2019 B2B Buying Disconnect)
  • 69 % der B2B-Käufer geben an, dass die Informationen, die sie erhalten, irrelevant sind und 57 % sagen, dass vieles davon nutzlos ist. (Forrester, Millennial Buyers Seek Credible, Concise, And Curated Content, 2020).
Was B2B-Käufer nervt

Zwischen den Erwartungen von B2B-Käufern und den Marketingaktivitäten der B2B-Anbieter besteht eine große Diskrepanz.
(Abb. Trustradius, The 2021 B2B Buying Disconnect)

Der Content macht den Unterschied

Die Studien bestätigen, dass der Content der B2B-Anbieter entscheidend ist:

  • Einfluss auf die Kaufentscheidung: So gaben 79% der Befragten an, dass die Inhalte der Gewinner einen signifikanten Einfluss auf ihre Kaufentscheidung hatten. (vgl. Demand Gen, 2019 B2B Buyers Survey Report)
  • Die wertvollsten Inhaltsarten: „Ingenieure sind informationshungrig – stellen aber hohe Anforderungen an den Inhalt. Datenblätter, Fallstudien, Produkt-Demovideos und Whitepaper stehen ganz oben auf der Liste als die wertvollsten Inhaltsarten.“
Industrie Content Marketing, Content Preferences

Datenblätter, Case Studies, Whitepaper und Produkt-Demovideos stehen bei Ingenieuren ganz oben auf der Liste als die wertvollsten Inhaltsarten.
(Quelle: TREW Marketing, 2021 State of Marketing to Engineers)

  • Ingenieure unter 35 Jahren legen den größten Wert auf Datenblätter.
  • Ingenieure im Alter von 36-45 Jahren finden in Fallstudien den größten Wert.
  • Ingenieure im Alter von 45-55 Jahren sind die größten Befürworter von Whitepapern.
  • Printkataloge werden über alle Altersgruppen hinweg als wertvoll angesehen.

(Quelle: IEEE GLOBALSPEC, 2020 Smart Marketing for Engineers)

Leadgenerierung im Industriemarketing

Sind Ingenieure bereit, für hochtechnische Inhalte Formulare auszufüllen und persönliche Daten preiszugeben? Ja, aber nur, wenn die Inhalte besonders hochwertig sind:

Leadgenerierung im Industriemarketing

Bei Premiuminhalten wie Whitepaper, CAD-Zeichnungen und Case Studies sind Ingenieure am ehesten bereit, ihre Kontaktdaten in Formulare einzutragen.
(Grafik: Trew Marketing, 2021 State of Marketing to Engineers)

  • Bei besonders hochwertigen Inhalten (Whitepaper, CAD-Zeichnungen und vertiefenden Case Studies) füllen Ingenieure Formulare für Gated Content aus.
  • Bei weiteren Inhalten (Video-Tutorials, Webinaren und Produktkonfiguratoren) sind weniger als ein Drittel bereit, ihre Kontaktinformationen mitzuteilen.
  • 17 % sind niemals bereit, ein Webformular im Austausch für Informationen auszufüllen.

Content Marketing hat sich durchgesetzt

Content Marketing ist heute Standard: Content Marketing hat sich auch im Industriemarketing als die Methodik durchgesetzt, mit der B2B-Käufer von den Leistungen und Fähigkeiten eines Anbieters und seiner Produkte und Leistungen am besten überzeugt werden können.

Studie Content Marketing Institute: Das Institut untersucht jährlich, wie die Marketingbereiche der Unternehmen den Erfolg des gesamten Content-Marketings beurteilen. Aus den Ergebnissen:

  • 82 Prozent der Befragten im verarbeitenden Gewerbe geben an, dass ihre Organisation damit erfolgreich ist (äußerst, sehr oder mäßig).
  • 65 Prozent sagen, dass sie damit nochmals erfolgreicher sind als vor einem Jahr (viel mehr oder etwas erfolgreicher).(Quelle: Content Marketing Institute, Manufacturing Content Marketing 2020)
  • 76 % Prozent wollen in 2021 in die Schaffung von Inhalten investieren und 73 % in die Verbesserung von Websites. (Quelle: Content Marketing Institute, Manufacturing Content Marketing, Insights for 2021)
Content Marketing Institute, Manufacturing Content Marketing

Die Befragten im verarbeitenden Gewerbe geben an, dass ihre Organisation mit Content Marketing erfolgreich ist. Quelle: Content Marketing Institute, Manufacturing Content Marketing 2020

Die Schlussfolgerungen für das Industriemarketing

Ingenieure informieren sich zunächst online, bevor sie mit einem Verkäufer sprechen.

  • Sie recherchieren vorrangig auf den Websites der Anbieter.
  • Von Relevanz sind außerdem noch Online-Industrieplattformen,
  • (Online) Fachzeitschriften,
  • Videos und E-Mail-Newsletter.
  • Soziale Medien wie Facebook spielen keine Rolle.

Bei der Recherche stellen Ingenieure hohe Ansprüche an die Qualität der Informationen, den Content.
Werbe-Aussagen und Marketing-Sprech werden abgelehnt. Es kommen die Anbieter zum Zuge, die „relevanten Content“ bereitstellen, denn die Inhalte der Gewinner haben nachweislich einen signifikanten Einfluss auf die Kaufentscheidung.

Websites sind also dann erfolgreich, wenn sie aktuelle, informierende und problemlösende Inhalte anbieten (Content Marketing).
Websites, die den Erwartungen von Ingenieuren gerecht werden wollen, bieten deshalb dreierlei:

  • Handfeste und detaillierte technische Informationen, wie Datenblätter, Fallstudien, Whitepaper und Produkt-Demovideos.
  • Inhalte, die sich konkret mit den Anforderungen ihrer Zielgruppe auseinandersetzen.
  • Informationen, die direkt auf die Bedürfnisse der Ziel-Branchen eingehen und die Kompetenz in diesen Bereichen auch nachweisen.

Content Marketing hat sich auch im Industriebereich durchgesetzt. Entscheidend ist aber nicht die Menge, sondern die Relevanz und die Qualität des Contents.

(*) Zehn aktuelle Studien zum Industriemarketing und wie sich Ingenieure heute informieren

  • Content Marketing Institute, Manufacturing Content Marketing, Insights for 2021
  • Forrester, Millennial Buyers Seek Credible, Concise, And Curated Content, 2020
  • Boston Cunsulting Group, The Real Cost of Poor Website Quality, 2020
  • Demand Gen, 2021 Content Preferences Survey Report
  • Gartner, New B2B Buying Journey & its Implication for Sales, 2019
  • Gartner, What Sales Should Know About B2B Buyers, 2019
  • IEEE GLOBALSPEC, 2020 Smart Marketing for Engineers
  • ThomasNet, Industrial Buying Habits 2019
  • Trew Marketing, 2021 State of Marketing to Engineers
  • Trustradius, The 2021 B2B Buying Disconnect

Martin Ortgies: Als Fachjournalist schreibe ich für Fachzeitschriften, erstelle Blog- und Newslettertexte, Case Studies oder Whitepaper. Ich schreibe für Unternehmen aus Bereichen wie Automationstechnik, Elektrotechnik, Elektronik, Industrie, IT, Logistik, Maschinenbau oder Software. Meine Kunden kommen aus Regionen wie Hamburg, Hannover, Berlin, Stuttgart und München.

Automatisierung und Vernetzung: Forschung und Praxis

  • Der VDI berichtet laufend über aktuelle Forschungsergebnisse und Trends im Bereich der digitalen Vernetzung von Prozessen und Wertschöpfungsnetzwerken.
  • Bitkom-Positionspapiere u.a. zu „Industrie 4.0“, Digitale Transformation, Artificial Intelligence oder Blockchain.
  • Stärker anwenderbezogen sind die Veröffentlichungen des ZVEI: IT-Sicherheitsgesetz 2.0, Whitepaper Antrieb 2030, usw.
  • Studien Fraunhofer IPA zu Cyberphysische Systemen, Research and Innovation Agenda 2030 u.a.

Künstliche Intelligenz in der Industrie

Künstliche Intelligenz, Artificial Intelligence
  • VDI-Material zum Thema Künstliche Intelligenz
  • Acatech-Studien: Kriterien für die Mensch-Maschine-Interaktion bei KI, Machine Learning in der Medizintechnik usw.
  • Bitkom-Leitfäden und Positionspapiere zu Artificial Intelligence
  • Das Deutsches Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) forscht zu KI und Industrie 4.0.

Steigende Anforderungen an die IT-Security in der Produktion

  • DerBSI-Schwerpunkt Industrial Control System (ICS) Security befasst sich mit der IT-Sicherheit in den Bereichen Fabrikautomation und Prozesssteuerung.
  • Fraunhofer SIT mit Studien & Reports zu „Next Generation Cryptography“, „Sichere Softwareverteilung“ usw..
  • Deloitte-Studien zu Cyber Security & sichere digitale Geschäftsmodelle.

Blockchainanwendungen in der Industrie

Industriemarketing, Blockchain
  • Bitkom zu Blockchain in Deutschland
  • Deloitte, aktuelle Blockchain Veröffentlichungen
  • BearingPoint, Blockchain in Chemie, Life Sciences und Resources
  • FfE, Blockchain-Technologie in der Energiewirtschaft

Die Digitalisierung und die agile Organisationskultur

Digitale Vorreiter haben ihre Unternehmen verändert. Sie sind schneller, flexibler und innovativer:

  • Agile Unternehmen erzielen bis zu fünfmal häufiger überdurchschnittliche Margen und wachsen stärker als der Durchschnitt der Unternehmen, so eine Analyse der Boston Consulting Group (BCG).
  • Es sind allerdings nur wenige Unternehmen zu wirklichen Veränderungen bereit, belegt die Capgemini Change Management-Studie.
  • Eine Mehrheit der Mitarbeiter fühlt sich laut der BearingPoint-Studie „Lost in Digitalization“ nur unzureichend über die Digitalstrategie ihrer Unternehmen informiert.
  • Die Studienautoren von Bain & Company nennen deshalb vier Kriterien, wie Transformationsprozesse erfolgreich zu gestalten sind.

Industriemarketing, Content Marketing Institute
  • Content Marketing Institute: Studie Manufacturing Content Marketing, Insights for 2021.
  • Industrial Marketing Today: Articles Industrial and Manufacturing Marketing.
  • Marketingmaven: Articles Industrial Marketing and Sales.

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